Chance e.V. - Zukunft für Menschen

Elizabeth Luque Quispe

Vorstandsmitglied – Atiycuy (zweite Partnerorganisation von Chance e.V. in Peru)

Mein Vater wurde am Ufer des Titicaca-Sees geboren, lief aber schon als Junge von zu Hause davon, um irgendwo in einer Mine Arbeit zu suchen. Meine Mutter wuchs in einem winzigen, völlig verarmten Bergdorf der Provinz Huancavelica auf. Das ist die ärmste Gegend ganz Perus. Dort kam auch ich zur Welt und verbrachte die ersten Jahre meiner Kindheit auf einer Höhe von mehr als 4.200 Metern über dem Meeresspiegel. Tagsüber brennt dort die Sonne unbarmherzig und nachts liegen die Temperaturen unter dem Gefrierpunkt.

Chance e.V.- Elizabeth Luque Quispe

Elizabeth Luque Quispe

Meine Eltern haben sieben eigene Kinder und eine Adoptivtochter. Mein Vater arbeitete sein Leben lang unter Tage. Um die Familie irgendwie über Wasser zu halten, schuftete er häufig pausenlos und kam nur alle paar Tage einmal an die Erdoberfläche. Meine Mutter musste mit ihm in die Bergarbeitersiedlung im Hochgebirge ziehen, um meinem Vater jeden Tag etwas Essen in die Tiefe schicken zu können. Trotzdem verdiente mein Vater nur einen Hungerlohn, mit dem er die Familie kaum ernähren konnte. Wir Kinder wurden auf verschiedene Verwandte verteilt, unsere Armut war erdrückend.

Ich kam schon als ganz kleines Mädchen bei einer Tante unter, die in einem abgelegenen Bergdorf hoch über der Baumgrenze lebte. Als ich fünf Jahre alt war, erkrankte meine Tante schwer und plötzlich war ich auf mich allein gestellt. Manchmal half ich in einer vollkommen verwahrlosten Garküche aus, wo ich Geschirr wusch. Als Bezahlung erlaubte der Besitzer mir, die Speisereste der Kunden zu essen. Immer wieder schlief ich in eisiger Kälte unter freiem Himmel, nur mit ein paar Tierhäuten bedeckt. Mein Hunger war manchmal so groß, dass ich den Abfall der anderen Dorfbewohner nach Essbarem durchsuchte. Zur Schule ging ich nicht und in einer Kirche war ich auch noch nie gewesen. Trotzdem schaute ich eines Tages in den Himmel und sagte: „Gott, hol mich hier raus!“

Wenige Monate später kam meine Mutter ins Dorf und nahm mich mit in die große Andenstadt Huancayo, wo ich zum ersten Mal mit meinen Eltern und meinen Geschwistern zusammenlebte. Erst jetzt konnten wir alle zur Schule gehen und ich strengte mich so sehr an, wie ich nur konnte. Ich lernte Spanisch, stand schon als Zehnjährige jeden Tag um drei Uhr morgens auf, um noch vor der Schule zu arbeiten und etwas Geld zu verdienen. Ich half meiner Mutter in ihrem kleinen Kiosk, verkaufte alle möglichen Waren auf der Straße und machte alle Arbeiten, die man mir anbot, nur um ein paar Cent zu verdienen. In der Schule verspotteten mich meine Mitschüler als „chola“ (geringschätzig für Indianermädchen).  Mit 11 Jahren begegnete ich zum ersten Mal ganz persönlich Jesus Christus und verstand, dass Gott einen Plan für mein Leben hatte und Armut und Not nicht alles waren. Nach und nach begegneten auch meine Mutter und vier meiner Geschwister der Liebe Gottes. Gemeinsam fingen wir an, für ein besseres Leben zu beten.

Als ich die Schule als beste Schülerin des Jahrgangs abschloss, taten wir Geschwister uns zusammen und zogen nach Lima. Mein Vater war mittlerweile durch seine jahrzehntelange Arbeit unter Tage erblindet, an den Atemwegen und einem Gehirntumor erkrankt, so dass wir jetzt auf uns allein gestellt waren. In Lima teilte man uns in einem abgelegenen Slum ein paar Quadratmeter Sand in der Wüste zu, wo wir eine winzige Einraumhütte aus Pressholz bauten, in der teilweise bis zu 10 Personen Platz finden mussten. Jeder von uns nahm jede Arbeit an, die er finden konnte. Ich sammelte Muscheln am Strand, verdingte mich als Hausmädchen und verkaufte Fisch. Irgendwie schafften wir es, unseren eigenen Kleinbus zu kaufen und ich war eine der ersten Frauen in Lima, die in einem so genannten Combi-Kleinbus die Fahrgelder der Mitfahrer kassierte. Nachts war es in unserer Hütte so voll, dass meine Schwester und ich jahrelang in diesem Kleinbus schliefen.

Meine älteren Brüder schafften es, ihr Studium abzuschließen und wurden Bergbauingenieure. Dann wechselten wir anderen uns ab – während die einen arbeiteten, studierte die anderen und umgekehrt. So konnten wir alle einen Berufsabschluss schaffen. Jeden Abend betete ich zusammen mit meiner Schwester vor dem Schlafen in unserem Kleinbus dafür, dass sich das Leben unserer Familie verbessern würde.  Meine Brüder begannen, Schritt für Schritt ein kleines Bergbauunternehmen aufzubauen. Von da an ging es bergauf. In den besten Zeiten hatte unser Familienunternehmen über 1000 Mitarbeiter.

Die christliche Organisation Atiycuy ist für mich ein wahrgewordener Traum, denn schon immer sehnte ich mich danach, den Menschen in Peru zu helfen, deren Armut, Verzweiflung und Not genauso groß sind wie die meiner Familie, als ich noch ein Mädchen war. Atiycuy bedeutet „Chance“ auf Quechua, meiner Muttersprache. Bis heute werden Indianer in Peru diskriminiert. Sie sind die Ärmsten der Armen und deshalb möchte ich alles dafür geben, diesen Menschen Chancen und Hoffnung zu schenken. Das ist mein größtes Anliegen und ich freue mich, dass wir diesen Weg gemeinsam mit unseren Freunden von Chance e.V. gehen können.

Die Atiycuy-Vorstandsmitglieder:
Atiycuy-Vorstandsmitglied Elizabeth Luque Quispe Atiycuy-Vorstandsmitglied Hugo Meza Atiycuy-Vorstandsmitglied Maribel Luque
Elizabeth Luque Quispe

Hugo Meza

Maribel Luque

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