Chance e.V. - Zukunft für Menschen

Chance e.V.- Wie alles begann

Gespräch mit den Anführern einer Indianergemeinschaft in Amazonien

Wie alles begann

Jens Bergmann, Gründer und erster Vorsitzender von Chance e.V.,
über Ursprünge und Werdegang der Arbeit:

Bereits als Teenager faszinierten mich die Themen Entwicklung, Umwelt, Nachhaltigkeit und Armutsbekämpfung. Schon damals war mir klar, dass arme Menschen und Gemeinschaften genug Talente und Ressourcen haben, um selbst den Kampf gegen extreme Armut und unverantwortliche Zerstörung der Umwelt besser zu führen als jede Hilfsorganisation.

1995 besuchte ich Indien und Lateinamerika. 1996/7 verbrachte ich sechs Monate in Ostafrika, wo ich eine einheimische Organisation als Freiwilliger unterstützte, für die ich später eine Hilfsaktion in Deutschland organisierte. Trotz guter Absichten erregte diese Aktion die Missgunst einflussreicher Personen vor Ort, was mich dazu zwang, mich erst einmal desillusioniert zurückzuziehen. Doch im Laufe der Zeit wurde aus dieser schmerzhaften Enttäuschung eine sehr hilfreiche Erfahrung.

Freundschaft als Basis einer starken Arbeit
Noch während meines Studiums reiste ich 2001 zum ersten Mal nach Peru. Dort besuchte ich eine christliche Jugendfreizeit, die von zwei einheimischen Pastören geleitet wurde. Zu sehen, wie mehr als 200 Straßenkinder, Terroropfer und verarmte Dorfbewohner auf dieser Freizeit der Liebe Gottes begegneten, die ihr Leben veränderte, bewegte mich tief. So entstanden Freundschaften, der Verein Chance e.V. und unsere ersten gemeinsamen Projekte in den Anden.

Vergebung, Versöhnung und der erste Kleinkredit
Besonders lebendig ist meine Erinnerung an meine erste Begegnung mit dem damals 20jährigen Norman aus einem Dorf, das während des Bürgerkriegs ein Drittel seiner Einwohner verloren hatte. Er war aus Amazonien auf die Freizeit gekommen. Am letzten Tag sangen wir uns alle gemeinsam das Segenslied „Shalom para ti“ (Frieden für dich) zu. Norman weinte und weinte. Später erzählte er, dass er während des Liedes endlich den Mördern seines Vaters vergeben konnte. Er nahm sich vor, sich nun doch nicht den Terroristen anzuschließen und ein neues Leben zu beginnen, „mit dem Frieden Gottes im Herzen,“ wie er sagte. Zum Abschied schenkte ich Norman ein T-Shirt. Er strahlte über sein ganzes Gesicht, zog das T-Shirt an und sagte: „Das ist das erste Mal in meinem Leben, dass mir jemand etwas geschenkt hat!“ Kurze Zeit später war Norman einer der ersten Empfänger eines Kleinkredits aus Deutschland, mit dem er einen Marktstand eröffnete.

Träume werden wahr
Im November 2003 gründeten wir Chance e.V. dann schließlich ganz offiziell mit Sitz in Köln. Parallel entstand in Chance-Perú vor Ort in Südamerika unsere erste Partnerorganisation. Wir wollten ganzheitlich arbeiten, um so den entwürdigenden Folgen extremer Armut in allen Lebensbereichen zu begegnen. Die Projekte sollten nachhaltig sein, weil wir keine Abhängigkeiten und‚ kein Fass ohne Boden schaffen wollten. Und unsere Zusammenarbeit sollte partnerschaftlich sein, weil wir einander auf Augenhöhe begegnen wollten. Unser gemeinsames Ziel war es, die Armen zu befähigen, in Würde und Selbstbestimmung zu leben – als von Gott geliebte Menschen, wertvoller Teil der Gesellschaft und verantwortungsbewusste Verwalter der Schöpfung.

In den ersten Jahren konzentrierten wir uns auf Kleingewerbeförderung, Projekte für Frauen und Jugendliche und christliche Freizeiten. Es gab auch schwierige Zeiten: Wir mussten uns kennen lernen und manchmal regelrecht zusammenraufen, interkulturelle Kommunikation ist ein Geschenk, aber auch eine Herausforderung. Einmal war unser ganzes peruanisches Team mit allen Patenkindern auf einer Freizeit, als nur 50 Meter neben dem Versammlungsort ein riesiger Bergrutsch hunderte Dorfbewohner in den Tot riss, ohne dass unser Team zu Schaden kam. So haben wir auch immer wieder Bewahrung erlebt.

Auch in Deutschland nahm unser Engagement an Vielfalt zu und mittlerweile kooperieren wir mit Kirchengemeinden unterschiedlicher Denominationen und Konfessionen sowie Schulen und anderen Gruppen. Zu unserem Freundeskreis gehören Menschen aus ganz verschiedenen Hintergründen und ganz Deutschland sowie den Nachbarländern.

Auf nach Afrika
Seit 2005 konnte ich wieder Kontakt aufnehmen zu meinem Maasai-Entawuo (‚Blutsbruder‘) aus Kenia. Wir begannen darüber nachzudenken, als Verein auch mit den Menschen in Kenia zusammenzuarbeiten. Familie und Dorfgemeinschaft nahmen mich zunächst als „olpayan“ in den Ältestenkreis ihrer Gemeinschaft auf, dann entstand in Erishata CBO unsere zweite Partnerorganisation.

Chance e.V.- Wie alles begann

Jens Bergmann auf Projektbesuch in Kenia

Schock in Amazonien
2013 lud mich eine Gruppe in das südliche Amazonasgebiet Perus ein, um dort u.U. neue Aufgabenbereiche für unseren Verein zu entdecken. Neue Projektpartner fanden wir nicht, wurden jedoch Zeugen einer durch kriminelle Gier verursachten, vollkommen unnötigen Zerstörung des Regenwaldes und der Lebensgrundlage der indianischen Bevölkerung von apokalyptischen Ausmaßen. Gemeinsam mit meinen peruanischen Begleitern war ich tief erschüttert und schockiert. Uns wurde klar, dass wir hier nicht einfach tatenlos zusehen konnten.

Aus dieser Erfahrung entstand 2014 unsere dritte Partnerorganisation Atiycuy-Peru, die selbst von indianisch-stämmigen Peruanern geleitet wird. Schwerpunkt der Arbeit sind die zentralperuanischen Regenwälder mit ihren verarmten Landarbeitern und entrechteten Indianergemeinschaften. Durch das gemeinsame Engagement mit und für diese Menschen konnten wir unseren Horizont wieder einmal erweitern und unsere Arbeitsweise vertiefen und verfeinern.

Für mich gibt es bis heute nichts Schöneres, als mitzuerleben oder dazu beizutragen, dass Menschen und Gemeinschaften in verschiedenen Bereichen ihres Lebens heil werden, ihre eigene Stärke entdecken, Hoffnung, Zukunft und Würde erleben und selbst Verantwortung übernehmen – für sich, ihre Mitmenschen, die Gesellschaft und die Schöpfung. Dafür lohnt es sich zu arbeiten. Es ist ein Privileg, mit Menschen so unterschiedlicher Herkunft in Einheit und Vielfalt zusammenarbeiten und voneinander lernen zu dürfen.

Helfen Sie uns dabei, lebendige Hoffnung zu sein!

weiter zuÜber uns - Empfehlungen

nach oben